Freitag 15. Dezember 2017

Symposium “Konzil und Frieden”

Die Gesellschaft für Konzilienforschung veranstaltete in Verbindung mit Prof. Dr. Johannes Helmrath (Humboldt-Universität Berlin, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte II) vom 15.-17. September 2016 eine Tagung zum Thema “Konzil und Frieden”.

Weitere Informationen zum Ablauf der Veranstaltung finden Sie hier: Programm, die Bildergalerie und den Tagungsbericht (siehe auch: http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6925).

Konzilien bzw. Synoden sind seit den ersten Jahrhunderten des Christentums privilegierte Institutionen der kirchlichen Leitung und Entscheidungsfindung, auf denen verbindliche Regelungen sowohl bezüglich des kirchlichen Lebens, der Organisation der Kirchen und nicht zuletzt der Lehren und Dogmen des Christentums gefällt wurden. Als überregionale Formen von kollegialer Kirchenleitung trugen und tragen Konzilien wesentlich zur Identität des kirchlich verfassten Christentums bei. Die sog. Ökumenischen Konzilien, zu denen sich Vertreter der gesamten über den Erdkreis verstreuten Kirche versammelten, gelten als markante und höchstverbindliche Äußerungen des kirchlichen Lehramts. Eine einseitige Wahrnehmung von Konzilien als Beschlussorgane für des Festlegung verbindlicher Glaubensformeln (Dogmen) würde jedoch dem breiten Einfluss und mehrfachen Funktion von Konzilien nicht gerecht werde. Konzilien waren nicht nur Beratungsgremien für höchstrichterliche Entscheidungen oder internationale Gelehrtenversammlungen, sondern sorgten sich immer auch für die Verbesserung des kirchlichen Lebens und der Behebung von Missständen (reformatio). Als privilegiertes Instrument der häufig beschworenen Kirchenreform stellen Konzilien gewissermaßen einen Totalanspruch religiös-gesellschaftlicher Normierung und Regelung, so dass man sie als Verdichtungen kirchlichen Handelns und kirchlicher Selbstdarstellung beschreiben darf. Ihr Einfluss reichte weit über konkret verabschiedete Gesetze und Lehrsätze hinaus. Als Foren der Konsensfindung unter den kirchlichen Eliten (Bischöfen, Papsttum, höherer Klerus, theologische Experten) waren Konzilien von Beginn an mit der Lösung von Konflikten innerhalb einzelner Kirchen und unter konkurrierenden christlichen Gemeinden und Gruppierungen konfrontiert. Bereits die erste überlieferte Synode, das sog. Apostelkonzil (Apg 15), sah sich zwei  konkurrierenden Gruppen gegenübergestellt, den gesetzestreuen Judenchristen und den gesetzeskritischen Vertretern einer universalen Heilsbotschaft, die in den ersten Jahren die Einheit des jungen Christentums bedrohten. Mit einem weisen Kompromiss, der weniger die theologische Grundsatzfrage klärte als vielmehr organisatorische Anpassungen anordnetet, gelang es damals, die Einheit der jungen Kirche trotz gravierender Meinungsverschiedenheiten zu bewahren.Als sich ab dem vierten Jahrhundert im Zuge der Konstantinischen Wende das Christentum allmählich zur Staatsreligion wandelte, bedienten sich die Kaiser reichsweiter Konzilien, abgehalten im Stile von kaiserlichen Beratungsgremien, um die fragile Einheit der Kirchen und des christlichen Glaubens zu bewahren, Religionskonflikte zu entschärfen und Einheit und Frieden der res publica romana zu gewährleisten. Theologisch-religiöse und politisch-so­ziale Agenden waren daher auf den alten Konzilien nicht zu trennen.Die ältere Konzilienforschung hat v.a. die Bedeutung der Konzilien als Orte der Klärung theologischer Kontroversen und dogmatischer Lehrfortschreibung sowie als Gesetzgebungs- und Rechtssprechungsinstanz untersucht. Erst in jüngerer Zeit werden Konzilien verstärkt auch als Faktoren sozialgeschichtlichen und politischen Wandels wahrgenommen, deren Abhaltung, personale Zusammensetzung und politische Vernetzung und nicht zuletzt deren Verhandlungsgegenstände gesellschaftliche Realitäten abbilden und gesellschaftliche Transformationsprozesse begleiteten. Vor diesem Hintergrund gewinnt auchdas Thema “Konzil und Frieden” an Relevanz, insofern Konzilien vermehrt auch als Foren für politische Aktion gesehen werden, die sich aufgrund ihrer überregionalen und repräsentativen, mitunter auch inhomogenen Zusammensetzung und nur punktuell verfügbaren Kompetenz als Vermittlungs- und neutrale Entscheidungsinstanz anboten und damit das Repertoire herkömmlicher Diplomatie erweiterten.Prominente Beispiele für ein konziliares Friedensengagement finden sich nicht nur in den großen Ökumenischen Konzilien des ersten Jahrtausends, die allesamt auch um eine Befriedung der Kirchen rangen, sondern auch in Mittelalter und Neuzeit. Das Konzil von Basel führte neben der Sorge um Glaubensreinheit und Kirchenreform explizit die “pax” in ihrem Titel und brüstete sich mit dem Friedensschluss von Arras, der den 100-jährigen Krieg beendete. Dasselbe Basler Konzil erzielte mit den widerständigen Hussiten einen Friedensvertrag, der die Grundlage für die Anerkennung einer lateinischen Landeskirche mit besonderem Ritus werden sollte. Die Versöhnung und Union zwischen griechischer und lateinischer Christenheit im Mittelalter konnte nach dem ekklesiologischen und theologischen Selbstverständnis beider Kirchen nur auf einem Konzil erfolgen, was sowohl 1274 in Lyon als auch 1439 in Ferrara-Florenz versucht wurde. Auch auf dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert ging es für Kaiser und Fürsten weniger um eine Auseinandersetzung mit reformatorischen Lehren als vielmehr um den Versuch, die bedrohte Reichseinheit durch die Anerkennung von partikularen Landesrechten zu bewahren und damit auch Religionskriege zu verhindern. Diese frühneuzeitlichen Versuche fanden ihre konsequente Fortsetzung auf dem Zweiten Vatikanum, das den Frieden zwischen den Völkern, Konfessionen und Religionen nicht nur als politische, sondern zuinnerst theologische und kirchliche Aufgabe apostrophierte.Wenn sich die Tagung dem Thema “Konzil und Frieden” zuwendet, so sollen nicht nur innerkirchliche Konflikte und deren Beilegung mittels Konzilien beleuchtet werden, sondern es soll der Blick vor allem auch auf die Schnittstellen von Politik und Religion gerichtet werden, insofern etwa Konzilien Friedensschlüsse zwischen Papst und Kaiser aushandelten und ratifizierten, oder wenn sich Konzilien als unabhängige Friedensvermittler zwischen verfeindeten Staaten, Fürsten, Städten oder Gruppen anboten. Neben der Erhebung unterschiedlicher Formen von konziliarer Friedenspolitik im Laufe der Kirchengeschichte gilt es dabei die Parameter und Dynamiken gelungener Konfliktlösung zu untersuchen, die selbst wiederum bezeichnendes Licht auf die Gestalt von Konzilien werfen können. Welches waren die Voraussetzungen für ein konziliares Friedensengagement, von wem gingen die Initiativen aus? Welcher politischen Kommunikation, welcher diplomatischen Methoden und Instrumente bediente man sich  auf solchen Konzilien? Wie flexibel waren die konziliaren Diplomaten, mit welchem Anspruch traten sie auf? Welchen Stellenwert, welche Dringlichkeit besaßen Friedensverhandlungen innerhalb der gesamten Konzilsagenda und welche etwaigen Risiken war man bereit einzugehen? In welcher Art und Weise wurden Friedensverhandlungen vorbereitet, begleitet, analysiert, welche Rhetorik (theologisch, juristisch, philosophisch) kam dabei zum Einsatz? Welches waren die Faktoren gelungener Friedenspolitik, bis zu welchem Grad lassen sich diese generalisieren? Welche Rolle spielten einzelne Gruppen (Papst, Fürsten, Kardinäle, Nationen, etc.) bzw. individuelle Konzilsväter bei Friedensmissionen? Welche Qualität erreichten konziliare Friedensschlüsse und wie nachhaltig waren sie?Die Tagung möchte zum einen eruieren, in welcher Intensität Friede in den unterschiedlichen geschichtlichen Epochen als Konzilsaufgabe und Konzilszweck identifiziert wurde und vor welchem politischen und ekklesiologischen Hintergrund man sich hier bewegte. Ferner lohnt es sich zu fragen, welche Kompromissbereitschaft vorhanden war, oder anders gesagt, welchen Stellenwert eine politische Pragmatik vor eventuellen theologischen oder Glaubensüberzeugungen hatte.Als Ertrag der Tagung erwarten wir uns zum einen ein vertieftes Bewusstsein für die friedensstiftende Rolle kirchlichen Handelns, indem auf eine lange, zum Teil vergessene Tradition kirchlich-konziliaren Handelns hingewiesen wird. Zum anderen sollen epochenübergreifende Strukturen herausgearbeitet werden, in denen das Selbstverständnis der konziliaren Verfassung der Kirche und ihres konziliaren Lebens neu aufscheint.Bei den Referenten handelt es sich um eine international hervorragend ausgewiesenen Gruppe von Konzilshistorikern, die in Forschung und Lehre in verschiedenen Epochen arbeiten. Die Referate werden in einem Sonderband der Zeitschrift Annuarium Historiae Conciliorum gedruckt und damit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

http://www.konziliengeschichte.org/